Geruchsinn - Hund
Erkenntnisse aus Forschung und Praxis
Die Frage, was ein Suchhund tatsächlich wahrnimmt, ist wesentlich komplexer als die einfache Aussage „Der Hund riecht den Menschen“. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass menschlicher Geruch aus einer Vielzahl flüchtiger Verbindungen besteht, die aus unterschiedlichen Körperquellen stammen.
Für Suchhunde scheint dabei nicht nur Hautgeruch, sondern insbesondere auch die menschliche Atemluft eine wichtige Rolle zu spielen. Darüber hinaus können Hunde komplexe Geruchsmischungen erkennen und auf veränderte Geruchsproben übertragen.
Was riecht der Hund eigentlich? - Teil 1

Walker, Hall & Aviles-Rosa (2026)
„Constituents of human scent as perceived by wilderness search and rescue area dogs“
Diese aktuelle Studie untersuchte erstmals gezielt die Bedeutung verschiedener Bestandteile des menschlichen Geruchs bei zertifizierten Wilderness-SAR-Flächensuchhunden. Sechs ausgebildete Suchhunde wurden mit Geruchsproben aus menschlicher Atemluft und von der Haut konfrontiert. Die Hunde reagierten stärker bzw. schneller auf die Atemluft als auf den reinen Hautgeruch.
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass ausgeatmete menschliche Atemluft ein besonders wichtiger Bestandteil des von Flächensuchhunden wahrgenommenen menschlichen Geruchs sein kann. Die bisher verbreitete Vorstellung, menschlicher Suchgeruch stamme hauptsächlich von abgeschilferten Hautzellen und deren bakterieller Zersetzung, muss dadurch möglicherweise erweitert werden.
Quelle:
Walker, M. K., Hall, N. J. & Aviles-Rosa, E. O. (2026). Constituents of human scent as perceived by wilderness search and rescue area dogs. Applied Animal Behaviour Science, 300, 107033.
Studie bei ScienceDirect
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0168159126001243

Aviles-Rosa et al. (2024)
„Development of an automated human scent olfactometer and its use to evaluate detection dog perception of human scent“
Die Forscher entwickelten ein spezielles Gerät, mit dem menschlicher Geruch unter kontrollierten Bedingungen einem Hund präsentiert werden kann. Fünf zertifizierte Such- und Rettungshundeteams konnten menschlichen Geruch mit einer Sensitivität und Spezifität von über 95 % erkennen.
Besonders interessant war der Vergleich verschiedener Geruchsquellen: Die Hunde reagierten nur selten auf Gegenstände, die von derselben Person getragen oder berührt worden waren. Auf menschliche Atemluft reagierten sie dagegen deutlich häufiger. In einem weiteren Versuch lag die Reaktionsrate auf reine Atemluft bei 88%.
Die Studie zeigt damit, dass Atemluft einen wichtigen und für Suchhunde deutlich wahrnehmbaren Bestandteil des menschlichen Geruchs darstellt.
Quelle:
Aviles-Rosa, E. O. et al. (2024). Development of an automated human scent olfactometer and its use to evaluate detection dog perception of human scent. PLOS ONE, 19(3), e0299148.
Studie bei PLOS ONE
https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0299148

Thurn et al. (2024)
„Ante- and post-mortem human volatiles for disaster search and rescue“
Diese Übersichtsarbeit beschäftigt sich mit den flüchtigen organischen Verbindungen (VOCs), die vom lebenden und vom verstorbenen Menschen abgegeben werden.
Die Autoren werteten die wissenschaftliche Literatur zu menschlichen Gerüchen aus und fanden 973 verschiedene beschriebene Verbindungen. Diese stammten unter anderem aus Atemluft, Haut, Schweiß, Speichel, Blut, Haaren und anderen Körpermaterialien. Zusätzlich wurden zahlreiche Verbindungen dokumentiert, die während der verschiedenen Phasen der Zersetzung entstehen.
Die Untersuchung macht deutlich, dass es nicht den einen menschlichen Geruchsstoff gibt. Vielmehr entsteht das menschliche Geruchsbild aus einem komplexen Gemisch zahlreicher flüchtiger Verbindungen. Gleichzeitig weisen die Autoren darauf hin, dass das vollständige menschliche Geruchsprofil wissenschaftlich noch nicht abschließend beschrieben ist.
Quelle:
Thurn, B. et al. (2024). Ante- and post-mortem human volatiles for disaster search and rescue. Forensic Chemistry, 40, 100596.
Studie bei ScienceDirect
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2468170924000481
Was riecht der Hund eigentlich? - Teil 2

Woidtke, Dreßler & Babian (2018)
„Individual human scent as a forensic identifier“
Diese Studie untersuchte die Fähigkeit von Suchhunden, individuelle menschliche Gerüche zu verfolgen. Insgesamt wurden 190 Personen, sieben Hunde und 675 Versuche einbezogen. Als Geruchsquellen wurden unter anderem Achselschweiß, Speichel und aus Blut gewonnene DNA verwendet.
Die Ergebnisse zeigen, dass speziell ausgebildete Hunde individuelle menschliche Geruchsmerkmale verfolgen können und dass unterschiedliche Körpermaterialien als Geruchsquelle geeignet sein können.
Die Untersuchung ist insbesondere für die Frage interessant, ob Hunde einen Menschen anhand eines individuellen Geruchsprofils unterscheiden können.
Die ursprüngliche Veröffentlichung führte allerdings zu einer wissenschaftlichen Kontroverse hinsichtlich der Interpretation der DNA-Proben. Aus den Ergebnissen lässt sich nicht ableiten, dass Hunde das DNA-Molekül selbst riechen können. Diese Einschränkung sollte bei einer Darstellung der Studie ausdrücklich berücksichtigt werden.
Quelle:
Woidtke, L., Dreßler, J. & Babian, C. (2018). *Individual human scent as a forensic identifier using mantrailing. Forensic Science International, 282, 123–129.
Studie und Hinweise zur Veröffentlichung bei PubMed

Finderwille (2026)
"Was bedeuten diese Forschungsergebnisse für die praktische Sucharbeit?"
Die bisherige Forschung spricht dafür, dass ein Suchhund nicht einfach einen einzelnen „Menschengeruch“ wahrnimmt.
Vielmehr trifft an seiner Nase wahrscheinlich ein komplexes Gemisch "verschiedener flüchtiger Verbindungen" VOC´s ein.
Diese können unter anderem aus:
- Atemluft
- Haut und Hautsekreten
- Schweiß
- Speichel
- abgestorbenen Hautzellen
- Mikroorganismen und deren Stoffwechselprodukten
- Kleidung und anderen Kontaktmaterialien
- bei verstorbenen Personen aus den verschiedenen Phasen der Zersetzung
stammen.
Hinzu kommt die Fähigkeit des Hundes, aus solchen komplexen Geruchsmischungen bestimmte Merkmale zu erkennen und auf veränderte Situationen zu übertragen.
Damit wird auch verständlich, warum die Frage „Was riecht der Hund eigentlich?“ nicht mit einem einzelnen Satz beantwortet werden kann. Entscheidend ist möglicherweise vielmehr das gesamte Geruchsmuster, das aus zahlreichen Komponenten entsteht und sich mit Zeit, Umgebung und Entfernung verändert.
VOCs bedeutet „Volatile Organic Compounds“, auf Deutsch flüchtige organische Verbindungen.
Einfach gesagt:
VOCs sind kleine chemische Stoffe, die leicht von einem Material in die Luft übergehen.
Viele davon können wir riechen. Sie entstehen zum Beispiel durch:
- Menschen und Tiere
- Pflanzen
- Lebensmittel
- Schweiß und Haut
- Zersetzung organischer Stoffe
- Feuer oder Verbrennung
Man kann sich VOCs vereinfacht wie winzige Duftmoleküle in der Luft vorstellen. Ein einzelner Stoff macht dabei häufig nicht den gesamten Geruch aus – viele verschiedene VOCs zusammen ergeben ein charakteristisches Geruchsbild.
Bei Suchhunden sind VOCs deshalb interessant, weil sie einen Teil der chemischen Informationen bilden können, aus denen ein Hund eine Geruchsspur wahrnimmt.

Finderwille (2026)
Unsere Arbeitshypothese:
"Was der Hund tatsächlich verfolgt?"
Aus unserer praktischen Arbeit gehen wir davon aus, dass ein Hund bei der Suche nach einer bestimmten Person nicht nur einen einzelnen „Geruchsstoff“ verfolgt.
Vielmehr entsteht für ihn ein individuelles Geruchsbild, das sich aus einer Vielzahl biologischer Bestandteile zusammensetzt.
Dazu gehören unter anderem Hautschuppen, Haut- und Körpersekrete, Haare, Atemluft und weitere biologische Materialien, die ein Mensch ständig an seine Umgebung abgibt.
Diese Bestandteile können sich an Gegenständen und in der Umgebung ablagern und dort unterschiedliche lange erhalten bleiben.
Einen besonderen Stellenwert messen wir dabei der DNA bei. Unsere Arbeitshypothese ist, dass DNA bzw. das biologische Material, in dem sich die DNA befindet, einen wesentlichen Bestandteil dieses individuellen Geruchsbildes darstellen könnte.
Der entscheidende Gedanke dahinter ist, dass die genetische Information eines Menschen während seines Lebens nicht fortlaufend verändert wird und nach dem Tod als biologische Information erhalten bleibt.
Dadurch könnte sie – zumindest theoretisch – einen besonders stabilen Bestandteil der individuellen biologischen Spur darstellen.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen DNA als genetischer Information und dem Geruch, den ein Suchhund tatsächlich wahrnimmt.
Es ist wissenschaftlich bislang nicht eindeutig nachgewiesen, dass Hunde DNA-Moleküle unmittelbar als solche „erriechen“.
Ebenso wenig ist geklärt, welchen Anteil DNA-haltiges Material tatsächlich am Geruchssignal eines Menschen ausmacht.
Für uns bedeutet das: Wir betrachten den menschlichen Individualgeruch als komplexes Zusammenspiel verschiedener biologischer Komponenten.
Die DNA beziehungsweise DNA-haltiges Material könnte dabei ein wichtiger Bestandteil sein – möglicherweise gemeinsam mit Hautschuppen, Sekreten, Haaren und weiteren Stoffen.
Diese Vorstellung verstehen wir ausdrücklich als Arbeitshypothese, die aus der praktischen Arbeit mit Suchhunden entstanden ist und durch weitere wissenschaftliche Untersuchungen überprüft werden muss.
Gerade die Frage, welche Bestandteile einer menschlichen Spur ein Hund tatsächlich wahrnimmt und wie er daraus ein individuelles Geruchsbild bildet, ist aus unserer Sicht einer der spannendsten Bereiche der Geruchsforschung.
